Rundbrief 10

Liebe Leute!

 

Ein Jahr anders Leben; schon vorbei. Oder nur der Start in ein neues?

Schon komisch, den letzten Rundbrief aus Deutschland zu schreiben, an die letzten Tage Kalimpong zurück zu denken, die zum einen so nah, zum anderen schon wieder so erschreckend weit zurück liegen. Die neue Freiwillige ist schon seit Tagen da und hat wahrscheinlich schon wieder aktuellere Informationen, aber der Vollständigkeit halber muss der Nachtrag natürlich gemacht werden. 😉

Nach meinem letzten Brief fingen die lang vorbereiteten Musik-Examen an. Die Theorieprüfung haben noch alle Lehrer zusammen gemacht, die praktischen aber jeweils allein mit ihren Schülern. Das war natürlich nicht sehr objektive, aber dafür konnte man auch genau die Entwicklung der einzelnen Schüler bewerten. Die meisten sind auch gut durch gekommen und nur wenige durchgefallen. Was auch nicht sooo schlimm ist, da es nicht an der Weiterversetzung rüttelt wie manch ‚harte‘ Fächer wie Mathematik oder Englisch. Und ohnehin war es ja eh nur die Halbjahresprüfung.

 

Abschlussfeier

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Nach dieser Woche gab es auch schon die erste Abschiedsfeier für uns. Die Schüler haben für uns Tänze und Lieder vorbereitet und auch viele schöne Abschiedskarten, die uns zeremoniell auf einem Stuhl sitzend mit hunderten von Kaddas überreicht wurden. Diese kleinen mit Mustern und Zeichen verzierten Halstücher werden in der Region immer zum Willkommens- oder Abschiedsgruß um den Hals gehängt. Es war rührender Moment für mich, als alle Kinder für 2-3 Sekunden vor mir erschienen und viele Erinnerungen und Schicksale in mir hoch kamen.
Darauf folgten 2 Wochen Abschlussprüfungen in den anderen Fächern – jeden Tag eine am Morgen und danach frei. Wir nutzten die Chance, nicht unbedingt gebraucht zu werden, für einen kleinen Trip nach Sikkim. In Gangtok verbrachten wir 2 Tage und machten auch einen Ausflug zu einem knapp 4000m hoch gelegenen Bergsee, der allerdings durch die Grenzlage zu China von Armeestützpunkten umgeben war. Danach ging es nach Namchi in die Hochschule für Pädagogik geleitet von Jesuiten, wo mich allerdings mein verstimmter Magen mal wieder ans Bett fesselte.

 

Sikkim

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Zurück in Kalimpong halfen wir noch ein wenig bei den Prüfungen oder kümmerten uns um die Instrumentenpflege, hängten noch ein paar Lernplakate auf und ich reparierte noch den einen oder anderen Bogen.
Ein Wochenende verbrachten wir noch in Darjeeling um unsere Registrierung abzuschließen und unser Ausreiseformular nach einigem hin und her endlich in der Hand zu halten. Auch besorgten wir manche Mitbringsel für Deutschland, soviel wir eben unserer Gepäckgrenze zutrauen konnten.
Abschiede gab es auch wieder mit vielen Mitarbeitern des Hayden Hall, wo wir ja einige Male zu Gast sein durften, und natürlich auch mit Father Paul.

In Kalimpong gab es am Ende der zweiten Prüfungswoche gleich nochmal einen Abschied, diesmal allerdings von uns organisiert für die Schule. Wir spielten ein paar Stücke, zeigten eine Fotoshow und jeder von uns beiden bedankte sich herzlich bei den Schülern, Lehrern und Fathers und gab allen etwas mit auf den Weg, was wir für wichtig erachteten.

Die letzten 2 Wochen verbrachten wir ganz bewusst und gingen oft in den Jungle, an unsere Lieblingsorte, besuchten Lehrer und Schüler und lernten sowie lehrten auch noch das eine oder andere Rezept. Wie zum Beispiel ‚Taipu‘ – das sind ziemlich große Teigtaschen, etwa wie mit Kraut, Zwiebel usw. gefüllte Hefeknödel – natürlich aus höllisch scharfer Chilli-Soße mit den ‚Dale‘-Chillis, die auf der ganzen Welt nur in der Darjeeling-Region wachsen.
Ein Picknick haben wir auch noch für die Kinder organisiert, es kamen aber aufgrund von Starkregen (die Regenzeit hatte langsam aber sicher eingesetzt) nur ein paar Schüler, aber wir haben sie und uns mit vielen Spielen und gemeinsamen Mittag bespaßt. Bei solchen Anlässen bringt übrigens oft jeder etwas mit und das wird dann zum probieren an alle verteilt, so dass man ein sehr reichhaltiges Mahl zusammen bekommt.

 

Kalimpong und Umgebung

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In den letzten Tage meldete sich Deutschland auch schon auf unangenehme Weise an, da ich mich schon vorzeitig um Bafög-Rückzahlung sowie Versicherungsangelegenheiten kümmern musste.
Neben vielen Abschieden, hatte ich auch noch ein Gespräch mit Father John, in dem wir uns gegenseitig herzlich für das gemeinsame Jahr dankten und dieses auch Revue passieren ließen.

Und so schnell kam dann schon der letzte Tag und wir mussten morgens nach Siliguri fahren, verabschiedet von den Fathers, und dem ganzen Staff der Schule. Brother Soni und unser Kollege Bidhan begleiteten uns netter Weise. In Matigara, dem ‚Hauptquartier‘ der Jesuitenprovinz, verbrachten wir einen Tag und trafen auch Pia wieder, die von Father Paul gebracht wurde. Dann ging es schon ab zum Flughafen. Alle drei zusammen hatten wir rund 9 Kilo Übergewicht, obwohl wir wirklich schon viel zurückgelassen hatten! Zum Glück drückten in Siliguri und in Delhi die netten Mitarbeiter beide Augen zu.
In Delhi hatten wir relativ lange Aufenthalt und dummer Weise wurden wir von einem älteren Soldaten nach draußen geführt um uns ein Ticket drucken zu lassen. Leider kommt man aber ohne Ticket gar nicht rein zum Airline-Schalter :\

Also warteten wir lange im Vorgebäude des Flughafens, bis wir ein Reisebüro fanden, das uns weiterhelfen konnte.
Nächste Station war Abu Dhabi. Dort gönnten wir uns einen Tag Aufenthalt – man könnte auch sagen ‚muteten uns einen Tag Aufenthalt zu’…
Das Klima muss man einmal erlebt haben, aber öfter vielleicht auch nicht. Es erinnerte an finnische Sauna und in der Sonne an Backofen. Anfangs kam es uns stark über trieben vor, dass selbst die Bushaltestelle klimatisiert war, aber spätestens nach 30 Minuten Mittagssonne flüchteten wit uns so oft wie möglich in einen klimatisierten Raum.
Wir nahmen den Bus in die Stadt (kostenlos) und bekamen natürlich den erwarteten Kulturschock. Aus dem ländlichen Kalimpong in die superreichen Emirate mit unglaublich vielen modernen Hochhäusern. Beeindruckend, aber auch erschreckend prunkvoll, war die riesige Moschee am Stadtrand, die wir auf dem Rückweg besucht haben.

 

Abu Dhabi

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Und schon saßen wir zu Tode durchgekühlt, von dem stark herunter temperierten Flughafenklima (Das Land in dem frieren zum Luxus wird…) im Flugzeug nach Berlin, wo wir von Louisas Eltern und meiner Band samt Freunden abgeholt und gebührend empfangen wurden.
Die letzten 2 Wochen waren sehr schön, aber auch oft verwirrend. So viele alltägliche Sachen erlebt man wie ein Kind zum ersten Mal und nicht immer nur von angenehmen Gefühlen begleitet. So etwa das erste Einkaufen im Supermarkt. Wir freuten uns natürlich, dass wir wieder unsere Lieblingspeisen kaufen konnten, aber irgendwie fragt man sich auch, ob man wirklich dieses riesige Überangebot ständig zu Verfügung haben will und möchte sich auch gar nicht vorstellen, was davon jeden Tag alles weggeworfen werden ‚muss‘.

Andere Eindrücke waren auch: Rechtsverkehr, schnelle aber huparme Autos, warmes sowie trinkbares Wasser aus der Leitung, Tapete, Türklinken, schnelles Internet, Bahn fahren und vieles mehr.
Weiß ich auch einiges davon zu schätzen, zieht es mich aber immer wieder zu einem einfacheren Lebensstil und nicht alle Errungenschaften des Westens erscheinen mir als notwendig. Gerade von der Offenherzigkeit, der Hilfsbereitschaft, der Improvisationsgabe, dem unkomplizierten Lebensstil vieler Menschen in der Kalimpong-Region konnte ich sehr viel lernen.

Das Jahr hinterlässt hoffentlich noch lange Spuren und vielleicht kann ich ja das Motto der Jesuit Volunteers für mich auch ausweiten auf:  ‚Viele Jahre anders leben‘.

 

Vielen Dank, für eure Anteilnahme im letzten Jahr. Ich war überrascht, wie viele Klicks die Seite bekam und wie viele Leute mir mitteilten, dass sie die Rundbriefe verfolgt hätten. Falls irgendjemand noch mehr Informationen über das Projekt und mein Jahr dort haben möchte, kann er oder sie sich gerne bei mir melden. Falls jemand etwas spenden möchte ist das unter der Verbindung auf dieser Seite möglich (jeder einzelne Euro ist mehr als wilkommen):

https://geigenkinder.wordpress.com/jesuit-volunteers/

Vielen Dank im Namen der Kinder und Lehrer schon im Vorraus 🙂