Rundbrief 3

Rundbrief 3

Liebe Leute!

Schon wieder anderthalb Monate rum, Zeit für Neuigkeiten aus den wunderschönen Bergen! Mit Erstaunen hab ich fest gestellt, dass schon wieder so unheimlich viel passiert ist und dass es, obwohl ich schon vieles auslasse, ein langer Rundbrief werden wird. Müsst ihr ja nicht auf einen Rutsch lesen 😉

Gleich nach meinem letzten Brief ging es los mit den Teachers Days. Jedes Jahr wird zum Andenken an einen sehr Kinderfreundliche Ex-Präsident ein Childrens Day und ein Teachersday gefeiert. Vom Childrens Day kann ich dann im nächsten Brief berichten, der wird im November stattfinden.
Zu Teachers Day wiederum organisieren die Kinder weitgehend selbstständig ein Konzert für die Lehrer mit Tänzen und Liedern.
Das war schon sehr beeindruckend, wie gut die Älteren den Jüngeren wieder die Stücke beigebracht haben. Während des Konzertes gibt auch immer eine Rede, bei der den Lehrern für ihre Weisheit, Geduld und Liebe den Schülern gegenüber gedankt wird. Das wirkte im ersten Moment eher obligatorisch auf mich, aber als erwähnt wurde, dass wir den Kindern den einen oder anderen Fehltritt entschuldigen sollen habe ich es so manchen Augen, in die ich geblickt habe wirklich geglaubt (auch wenn das vielleicht genau die waren, die am nächsten Tag eher abwesend aus dem Fenster geschaut haben 🙂

Es gab zu diesem Anlass auch den längsten Applaus, den bis jetzt hier erlebt habe und zwar als alle Lehrer feierlich in die Halle eingelassen wurden. Bei allen Konzerten die ich hier erlebt habe, dauert der Applaus eher 10 Sekunden, auch wenn die Vorführenden noch bedröppelt auf der Bühne auf ihren Abgang warten.

Am lustigsten für die Schüler war natürlich das Lehrerspiel, bei dem alle Lehrer nach einander einen Zettel gezogen haben und lustige bis alberne Sachen machen durften/mussten.
Am Schluss tanzt dann die ganze Schule quer durch die Halle, was natürlich auch ein Highlight für die Schüler ist, ihre Lehrer mal in einer ganz anderen Art zu erleben.DSCN1490 DSCN1493

Am nächsten Tag gab es das gleiche nochmal mit den Boarders, die es sich auch nicht haben nehmen lassen für uns ein Programm zu organisieren.
Zu den Boarders – also sozusagen zu den Ex-Schülern – kann ich mal etwas ausholen.
Unsere Schule geht zur Zeit nur bis zur 8. Klassenstufe. Danach verteilen sich die Schüler auf die weiterführenden Schulen der Umgebung. Den Fahrdienst hatte ich ja schon erwähnt, den die Jesuiten den Boarders jeden Morgen ermöglichen. Mittlerweile hab ich allerdings rausgefunden, dass fast keiner der Eltern es sich leisten könnte das Schulgeld für diese Schulen zu zahlen.

Das Ziel ist unsere Schule auf lange Sicht staatlich anerkennen zu lassen, sodass wir nach und nach die Klassen 9 bis 12 einführen können. Bis dahin läuft es aber schon seit der Schulgründung so, das die Jesuiten den Boarders das Schulgeld, sowie Schuluniform und Materialien stellen. Teilweise springen fuer eine Schule auch Paten ein und übernehmen die Finanzierung der Schulausbildung einzelner Kinder, was natürlich den Jesuiten die Möglichkeit gibt mehr in unsere Schule zu stecken. (Es fehlen zum Beispiel noch 500000 Euro für den Neubau der Schulhalle – also falls jemand im Lotto gewinnen sollte, immer her damit 🙂

In der Zeit der Teachers Days haben mich nun endlich auch mal die angekündigten Magenprobleme erwischt. Ob es nun das Essen oder Stress oder beides war weis ich auch nicht, aber untergründig arbeitete (und arbeitet noch immer) der Kulturschock wohl doch mehr als ich das wahrhaben wollte.

Zu dieser Zeit übernahm ich auch die Vorbereitung einiger Boarders auf ihr Examen im Violinspiel in ihrer jeweiligen Schule.
Jedes Jahr kommt ein Prüfer aus England und prüft Schüler auf freiwilliger Basis nach dem Prüfungsplan des Londoner „Trinity Colleges“. Nach Absolvierung eines bestimmten Levels ist man dann berechtigt das Instrument an staatlichen Schulen zu unterrichten, was natürlich für einige Schüler eine tolle Möglichkeit für die Zukunft wäre.

An einem Wochenende hat unser Kollege Bidhan uns zu sich nach Hause eingeladen um mit ihm „Momos“ zu machen. Das sind unheimlich leckere Teigtaschen mit unterschiedlichen Füllungen die Gedämpft werden und dann zum Beispiel mit einer scharfen Koriander-Dip serviert werden. Wir haben so unheimlich viele gemacht, dass wir bestimmt 4 Stunden dafür gebraucht haben, aber umso leckerer haben sie dann auch geschmeckt.
Kurz darauf haben wir erfahren, das Shubam – ein ehemaliger Schüler auf der Suche nach einem Studienplatz – von Father die Möglichkeit bekommen hat in einer Schule in Buthan Geige, Gitarre und Klavier zu unterrichten. Da er zwar schon lange Geige spielt, aber wenig Erfahrungen im Unterrichten hat, habe ich ihm noch schnell versucht so viele Start-Tipps wie möglich zu geben und auch einige englische Geigenschulen empfohlen, die die recht wohlhabende Schule dort beschaffen wird. Wir haben uns auf jeden Fall alle sehr gefreut, dass er eine so tolle Chance bekommt und hoffen, dass er sich in der neuen Umgebung gut einlebt.

In der Stadt habe ich mich nach einigen bewundernden Blicken auf Brothers maßgeschneiderte Hemden nun auch entschlossen etwas Stoff zu kaufen und dann zu Schneider zu gehen. Alles in allem Kostet das rund 5€ pro Hemd und die Komplimente der Schüler waren mir sicher, genau wie schon ein paar Wochen vorher als ich einen Boarder an mein Haupthaar gelassen hab um mir einen neuen Look zu verpassen 🙂
Louisa hat es sich natürlich nicht nehmen lassen nach langer Stoffsuche auch eine Kurta schneidern zu lassen. Diese Kleidung besteht aus einem Langen Oberteil und einer weiten Bluse und stellt die Alltagskleidung vieler Frauen hier dar.

Die Tage darauf stellte sich meteorologisch mal wieder eine Depression ein und es regnete für viele Tage am Stück, sodass am Ende sogar einige Sachen aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit angefangen haben zu schimmeln. Pia berichtete das schon früher aus Darjeeling, bei ihr hat sogar der Schmuck angefangen zu schimmeln… Bei uns ist zu dieser Zeit sogar auf einer unserer Fußabtreter frische Kresse gewachsen!!
Bei uns gab es dann erstmal schulfrei für einen Tag, da es bei so starkem und langem Regen für viele Schüler nicht möglich ist einen der vielen Flüsse zu überqueren.

Zu dieser Zeit kam auch endlich der lang angekündigte Geigenbaugeselle Jakob mit dem ich schon ein paar Tage vorher in Kontakt stand, da er in Berlin zufälligerweise die gleiche junge Sprachlehrerin gefunden hat. Sie hat dann den Kontakt hergestellt und so konnte ich auch schonmal durchgeben, was alles schon in der Werkstatt über die vielen Jahre der Sach- und Geldspenden zusammengekommen ist und was er noch mitbringen müsste um hier gut arbeiten zu können. Er kam zusammen mit Laura, einer deutschen frisch studierten Phsychologin, die vor 5/6 Jahre selbst für ein halbes Jahr Volunteer in Kalimpong war und seit dem alle Jahre mal wieder zu Besuch kommt. Mittlerweile sind wir auch alle sehr dankbar für Ihre Hilfe, da sie jeden Tag mit zur Schule kommt und immer wieder Stunden übernehmen kann, wenn einer von uns oder den Lehrern krank oder abwesend ist.

Sie wird hier dieses Mal für 6 Wochen bleiben, Jakob wiederum für 6 Monate. Daher haben wir auch schnell den Umzug der Werkstatt in die neue Schule begonnen, damit er schnell mit seiner äußerst wichtigen Arbeit anfangen kann. Da aber gerade die Straße zur Schule befahrbar gemacht wird, hat dies aber leider erst zur Hälfte geklappt.

Zu dieser Zeit haben wir auch jeweils ein Orchester für die Klassen 6, 7 und 8 ins Leben gerufen. Das gab es eigentlich immer mal wieder aber neu ist nun, das wirklich alle Schüler eine Chance bekommen und nicht ein gemeinsames Orchester mit jeweils nur den besten Schülern gebildet wird (aus Mangel an Instrumenten kann man nicht alle Schüler dieser Stufen in ein Orchester zusammenfassen).
Mir macht es auf jeden Fall viel Spaß gleich zwei eigene Orchester zu leiten, auch wenn es am Anfang recht schwer war jeweils eine ganze Klasse in einer Probensituation im Zaum zu halten. Gespielt werden übrigens Geigen, Bratschen und Celli.

Zu Brother Rajibs Geburtstags haben wir gleich die Chance genutzt unsere MomoKünste zu zeigen. Mit Bidhan und einer Ex-Schülerin, die ab und zu im Momo-Restaurant ihrer Eltern hilft haben wir dann wieder viel zu viele gemacht, wobei man eigentlich nie zu viele haben kann. Sie hat uns sehr mit der Geschwindigkeit beim gesamten Fertigungsprozess imponiert und konnte uns noch ein paar Kniffe beibringen.

In den folgenden Tagen haben wir hier immer mehr von der Gorka-Bewegung erfahren und im Alltag auch gespürt – viele bunte Fahnen überall und einige Auto- oder Motorradkonvois.

Also soweit ich verstanden habe sind die Gorkas eine Partei oder Gruppierung, welche in der Region um Darjeeling/Kalimpong und die Bergregion vom Distrikt Westbengal abspalten möchte (also das Bayern Indiens?), da der Teil des Distrikts im Flachland kulturell und im Lebensalltag sehr unterschiedlich zu dem in den Bergen ist. Außerdem erhofft man sich eine bessere Wirtschaftsentwicklung, wie im nördlich gelegen kleinen Distrikt „Sikkim“ welcher von der überschaubaren Verwaltung sehr profitiert hat. Dies alles unterstützen eigentlich die meisten der Einwohner hier, soweit ich das erfahren habe. Unverständlich erscheint allerdings vielen wie polemisch und radikal die Gruppe oder besser gesagt die Führung der Bewegung diese Ziele umzusetzen versuchen. Dies geschieht teils über Schutzgelderpressung, Banns – das heißt keiner darf für einen bestimmten Zeitraum (mehrere Wochen) Auto fahren oder arbeiten gehen, und oft auch über Gewalt, Zerstörung und in früheren Zeiten vielmals auch durch Mord. 1985 gab es wohl einen riesigen Aufstand mit mehreren zehntausend Toten.
Und droht zur Zeit zum Glück aber doch kein Bann und das Treffen der Führung in Kalimpong ist mehr oder weniger mit nur leichten Behinderungen des Alltags einher gegangen.

Die Woche darauf besuchte ich mit Jakob auch endlich die Region Lanzong, ein Dorf weit entfernt, sodass unsere Schüler von dort über eine Stunde zur Schule laufen müssen. Die Landschaft dort ist wirklich wunderschön und in vielen versteckten Hütten würden wir zu insgesamt 7 Tassen Tee eingeladen, sodass wir in manchen Häusern schon dankend ablehnen mussten.

Die meisten Hütten unserer Schüler sind sehr einfache Behausungen, selbst gebaut aus Lehm Holz und Stroh. Im Winter muss es dort sehr kalt sein, da in fast jedem Haus, dass wir besucht haben ein mannshoher Stapel aus dicke Winterdecken stand.

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Die Familiensituation unserer Schüler ist oft prekär, nicht selten lebt der Vater in seiner dritten, vierten Ehe mit vielen Kindern in einen kleinen Hütte. In vielen Fällen sucht sich die Mutter nach einer Trennung einen neuen Mann und lässt die Kinder bei dem alten. Manchmal sind auch beide Eltern verschwunden oder verstorben und die Kinder sind bei Verwandten untergebracht oder sogar im Waisenheim. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn einige Kinder in der Klasse ein auffälliges Verhalten zeigen und nach den Besuchen der Familien kann man dann auch viel besser verstehen, warum sich welches Kind wie verhält und besser darauf eingehen.

Gut kann man diese Lebenssituation auch in einem Film über die Schule nachvollziehen, welcher von katalanischen Filmemachern vor ein paar Jahren hier gemacht würde. Laura hat ihn mitgebracht und der ganzen Schule gezeigt. Darin erfährt man auch die Geschichte von Kushmita, welche als Jugendliche von der Schule mit Hilfe von Sponsoren nach Deutschland gekommen ist und letztendlich in München Violine studiert hat. Sehr interessant war ihre Beschreibung der innerlichen Zerrissenheit zwischen den beiden Ländern, die sie mal mehr, mal weniger verspürt.

Ein paar Tage später hab ich dann angefangen zusammen mit Jakob die Schulhymne mit einer Instrumentalbegleitung zu versehen und ein Stück für den Cultural Day raus zu hören und aufzuschreiben.
Ich war sehr überrascht, dass ich nach all den Jahren keine einzige Satzregel für den vierstimmigen Satz vergessen habe!

In dieser Zeit habe ich auch endlich zum ersten Mal von der Schule aus die Spitze des Kangchenjunga bestaunen können, davor hatte er sich immer in Wolken gehüllt. Gekrönt wurde das heute Morgen in Darjeeling mit einem so spektakulärem Sonnenaufgang reflektiert von den für mich zum ersten Mal vollständig zu sehendem Himalaya Massivs, dass man unbedingt mein Video dazu sehen muss (leider zu groß zu hochladen glaube ich).

Ein paar Fotos habe allerdings für euch:

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Ich kann gar nicht das Gefühl beschreiben, nach so langem warten dann das ganze so spektakulär serviert zu bekommen. Jedes Mal als ich hier war hat es nur geregnet oder es war bewölkt und erst als ich wieder in Kalimpong war haben sich die Berge wieder gezeigt. Eine Amerikanerin, die hier zu Besuch ist und schon in aller Welt unterwegs war sagte, dass es einer der beeindruckendsten Eindrücke der Welt ist, was ich bis jetzt auf jeden Fall unterschreiben kann!!!
Wir sind nämlich gestern in Darjeeling angekommen um die kommenden Dussehra-Ferien mit einem Wandertrip zu verbringen. Wenn das Wetter so bleibt und wir unseren Guide organisiert kriegen, ohne den man nicht im Nationalpark wandern darf, kann ich das nächste Mal viele viele tolle Fotos hochstellen!! 🙂

Endlich wieder wandern!!!

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