Rundbrief 4

 

Liebe Leute!

Meinen letzen Brief beendete ich ja in Darjeeling kurz vor unserer Wandertour. Die Organisation wurde dann kurzfristig doch noch chaotisch und spannend bis zum Schluss. Eigentlich hatten wir schon Wochen zuvor von Father John Guides organisiert bekommen. Ab diesen Jahr braucht man allerdings eine Lizens als Guide für die Wege durch den Nationalpark, welche unsere Kandidaten nicht hatten. Daher habe wir über Father Arun in North Point noch die Nummer des Ober-Guides der Region bekommen und über Umwege hatten wir kurz vor unserer Ankunft tatsächlich jemanden, der uns durch die Nationalparks führen konnte.
Was es kosten wird wussten wir allerdings erst genau, als wir ihn nach einer steilen Etappe bergauf endlich getroffen hatten.

Wie hätten natürlich viel zu wenig Geld dabei, da wir uns aber auf Anhieb gut mit Raju verstanden, hat er uns bei jeder Gelegenheit einen kräftigen Rabatt rausgeschlagen. Den Rest konnten wir mit Mahlzeiten aus unseren Rucksäcken und der Wahl von einfacheren Unterkünften (z.Bsp. auf dem Boden des Lagerraums zusammen mit anderen Guides) zusammensparen.
Gut war auf jeden Fall, dass wir alle unsere Reisepässe dabei hatten, sonst wären wir schon am ersten Tag nicht weit gekommen. Da unsere Wanderstrecke fast ausschließlich in der Grenzregion verlief und wir auch des Öfteren über die Grenze nach Nepal gelangten, müssten wir neben der Registrierung gleich zu Beginn immer wieder an Grenzposten und am Eingang des Nationalparks unsere Ausweise vorzeigen, um ins jeweilige Register handschriftlich aufgenommen zu werden.
Am ersten Tag ging es nach dem Zusammentreffen mit Raju gleich steil hinauf nach Tamang. Dort gab es auch den ersten Sonnenuntergang am Kanchenjunga für mich und am nächsten Morgen für uns alle den Sonnenaufgang mit dem wolkenlosen Himalayamassiv. Einfach unbeschreiblich schön und eindrucksvoll!DSCN2157DSCN2175 DSCN2192DSCN2204 DSCN2212 DSCN2092  DSCN2211  DSCN2199

Am nächsten Tag führte uns der Raju mit vielen „djum, djum!“-Rufen (auf geht’s!) gut 1200 Höhenmeter hinauf nach Sandakphu. Das war auch der Beginn einer Odysee für so manche(n) Mitwanderer/-in (der/die ungenannt bleiben möchte), begleitet von offenen Füßen, Kreislaufproblemen, Erschöpfung und Frustration, welche sich jeden Höhenmeter an den folgenden Tagen noch verschärfen sollte. Es war alles in allem auch wirklich kein leichter Trek, da wir jeden Tag teilweise weit mehr als 20 km wanderten, und das in dieser Höhenluft, die spürbar dünner war.
Wir erreichten Sandakphu auf einer Höhe von 3650 Metern, dem höchsten Punkt, den ich jemals erwandert habe und nach der Nacht auch die größte Höhe, auf der ich je geschlafen habe.
Ich nahm meinen Daunenschlafsack und die anderen sich jeweils 2-5 Decken um die Kälte zu vertreiben.
Den nächsten Tag blieben wir ungefähr auf gleicher Höhe um nach Phalut zu gelangen, da uns der Rundblick am Tag zuvor leider durch die Wolken verwehrt wurde.
In der Nacht machten sich auf einmal einige Inder aus Kolkata gegen 03:30 (!) auf um wer weiß was zu sehen. Eigentlich ja nicht schlimm, wenn sie nicht, wie den Abend zuvor schon, dabei einfach so unheimlich laut gewesen wären, vor allem, da es aufgrund von dichten Nebel bis 9:00 morgens absolut gar nichts zu sehen gab!

Auch gibt es eigentlich auch keine Route, die verlangt so früh zu starten…

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Für uns ging es dann deutlich später endlich Bergab Rimbick, wo wir alle französischen und spanischen Touristen, die wir schon einige Male auf der Tour sahen, letztendlich wiedergetroffen haben. Die Stimmung bei allen war deutlich besser als die Tage zu vor bei unseren Treffen. Das Schwerste lag nun hinter uns und nur die ungewisse Rückfahrt nach Darjeeling stand noch allen bevor, da ja Feiertage waren und Taxen nur schwer organisiert werden konnten.
Mit langer Wartezeit und viel Glück sind wir dann auf sehr holprigem Wege zurück nach Darjeeling gekommen um dort zu lernen, wie schwer es ist an Feiertagen abends etwas Essbares in der Stadt zu organisieren. Fast alle Restaurants waren gegen 20:00 schon am schließen und am Ende mussten wir enttäuscht ein äußerst einfaches tibetisches Mahl zu uns nehmen. Dabei hatten wir uns so auf Pizza gefreut 🙂
Alles in allem war der Trip tatsächlich sehr anstrengend, aber dennoch waren die Blicke und die Landschaften so unheimlich schön, dass es auf jeden Fall nicht das letzte Mal für mich gewesen sein wird und diesen Bergen zu wandern!

Die Rückfahrt nach Kalimpong wurde fast auch noch von den Feiertagen verhindert, da weniger Sammeltaxen fahren, aber gefühlt doppelt so viele Menschen transportiert werden möchten. Man will eben Verwandte besuchen, die Fahren wollen aber auch feiern.
Und kam zu gute, dass auf Touristen (die wir ja genau genommen gar nicht sind) viel Rücksicht genommen wird. Obwohl wir eine sehr hohe Wartenummer hatten (mit der Möglichkeit, dass der Taxifahrer, der gerade auf dem Rückweg von Kalimpong war, gar nicht nochmal zurück fahren möchte), wurden wir ziemlich schnell in ein etwas teureres Taxi gesetzt und waren schon bald Zuhause.
In der darauf folgenden Woche war auch endlich die Straße zur Schule wieder befahrbar, so dass wir den Workshop umziehen lassen konnten und Jakob von da an seine Arbeit oben fortsetzen konnte. Daneben gab es noch Aufklärungsunterricht von Claudia (Lauras Mutter, die Ärztin ist) und viele, viele Proben für das Jahreskonzert der Schule. Kurz vor dem Konzert fanden die Proben dann in der Halle der alten Schule statt, die waghalsig von mitunter in gut 6 Metern Höhe kletternden Helfern geschmückt wurde.
In der Zeit konnte ich auch mal wieder ein paar Stunden Einzelunterricht für Schüler geben, was eine willkommene Abwechslung zum täglichen Großgruppenunterricht für mich war.
Ausgerechnet einen Tag vor dem Konzert mussten Laura und Claudia leider schon abreisen. In der kurzen Zeit hatten wir uns so sehr an die beiden gewöhnt, als ob sie schon immer hier waren und einfach hier her gehörten. Gerade Laura hat uns sehr viel ausgeholfen, wenn mal einer von uns Musiklehrern krank war und außerdem hatte sie durch ihre immer wiederkehrenden Besuche viele interessante Insider-Geschichten zum Besten zu geben.

Zum Thema Krankheit muss man auch sagen, dass bis heute eigentlich immer mindestens einer von uns irgendein Symptom aufzuweisen hat. Von Husten, Schnupfen, Magenproblemen, Durchfall, Zahn- und Kreislaufproblemen war eigentlich immer mindestens eins bei einem oder mehreren von uns vorhanden. Wetter, fremdes Essen und Stress werden wohl daran Schuld sein… aber man gewöhnt sich ja an so einiges 🙂
DSCN2765 DSCN2786 DSCN2789Die beiden Konzerte verteilt auf zwei Tage verliefen dann sehr gut. Da alle Schüler die Chance bekommen sollten ihren Eltern und Schülern anderer Schulen zu zeigen, was sie können beliefen so aber beide Konzerte insgesamt jeweils auf rund 4 Stunden.
Danach gabs schon wieder Feiertage – das Diwali Festival stand vor der Tür. Da uns gesagt wurde, Darjeeling wäre ein guter Ort um das zu erleben machten wir uns mal wieder auf nach Hayden Hall.
Dort verbrachten wir schöne Tage im spätsommerlichem Wetter mit einem Zoobesuch, viel Kochen (mit Rezepten vorwiegend aus der Heimat), einem erneutem Nortpointbesuch, wo wir die Musiklehrer kennenlernen dürften und vielen Lichtern, Böllern und Raketen.
Diwali ist für Hindus vergleichbar mit unserem Neujahrsfest. Über drei Tage wurde teils waghalsig viel in die Luft gejagt und nicht wenig davon ist direkt vor uns oder über unseren Köpfen explodiert.
Wir waren zuerst etwas verwundert, viele Feuerwerkskörper mit Hakenkreuzen verziert zu Gesicht zu bekommen. Das hat natürlich eine ganz andere Bedeutung als für uns, da die Swastika das hinduistische Zeichen für den Kreislauf des Lebens ist und eher als Glückssymbol verwendet wird.

Am ersten Tag wurden schon viele Hunde geschmückt mit Blüten und Farbpunkten. Einige trugen es mit Stolz, andere wollten es verzweifelt wieder los werden.

DSCN2799 DSCN2802 DSCN2814 DSCN2815 DSCN2826 DSCN2850 Am zweiten Tag ziehen die Frauen von Haus zu Haus und segnen diese und deren Bewohner mit Gesängen. Am dritten Tag machen die Männer das selbe nochmal. Daran dürften wir dann auch teilhaben. Als wir von den Geräuschen angezogen bei einer jener Truppen angekommen sind wurden wir gleich in die Gesäge einbezogen und haben so, ohne zu wissen was wir eigentlich genau singen, zwei Haushalte segnen können.
An einem Morgen haben wir uns auch endlich zum Tiger Hill aufgemacht, einem Berg, von dem man mit etwas Glück den Sonnenaufgang über das ganze Himalayamassiv bestaunen kann.

Gegen drei Uhr morgens sind wir los, fehlgeleitet durch Google Maps direkt zum verschlossenen Eingang eines Militärstützpunktes. Also den ganzen Weg zurück zum Hayden Hall und auf gut Glück einen Taxifahrer mit Diwali-Restalkohol-Fahne organisiert, der uns dann erstaunlich sicher zum völlig überfüllten „Parkplatz“ des Tiger Hills gebracht hat. Dieser war einfach die Straße zum Gipfel – komplett zu geparkt mit tatsächlich hunderten von Taxen. Dementsprechend viele Menschen waren dann auf dem Aussichtspunkt und es war wirklich schwer den Sonnenaufgang und die rot gefärbten Berge zu sehen. Aber mit etwas Zehenspitzengefühl ging das schon. Da wir unseren Fahrer schon zurück geschickt hatten – wir wollten die 4 Stunden bergab zurück laufen wollten – verschwanden bald ausschließlich alle Touristen, die schon kurz nach dem Sonnenaufgang von ihren Fahrern ins Taxi zurückgerufen wurden.

Der kleinste Gipfel ist der Mt. Everest - vielleicht doch nicht der hoechste Berg der Welt?

Der kleinste Gipfel ist der Mt. Everest – vielleicht doch nicht der hoechste Berg der Welt?

Also hatten wir letztendlich die Berge ganz für uns allein und auch noch so viel Glück mit dem Wetter, dass wir bis zum Mount Everest schauen konnten.DSCN2889 DSCN2894 DSCN2897 DSCN2922 DSCN2898 DSCN2908  DSCN2940

Auf dem wunderschönen Rückweg mit noch mehr fantastischen Blicken auf den Kanchenjunga und seine Nachbargipfel besuchten wir auch einen großen tibetanischen Tempel in Ghom, in dem wir sofort herzlich aufgenommen und herumgeführt wurden. Der Mönch erkundigte sich gleich nach Möglichkeiten und Kontakten um wieder Volunteers für die tibetanische Gemeinde der Region zu bekommen.
Am Abend besuchten wir noch das Konzert der letzten Band eines Rockfestivals gleich gegenüber von Hayden Hall. Anfangs gab eine Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge in Paris.
Die Band war wirklich sehr gut und jeder fit an seinem Instrument. Leider wurde „nur“ gecovert – mit eigenen Liedern könnte die Band international wirklich groß rauskommen.

Zurück in Kalimpong konnten wir für eine Woche eine neue Volunteerin in unserem Haus begrüßen. Anushka kommt aus Kolkata und arbeitet zur Zeit in Mumbai für die NGO „Teach For India“. Sie versuchen das – meinen und ihren Erfahrungen nach – großteils auf Auswendiglernen basierten indische Bildungssystem, zu reformieren und neue Konzepte zu integrieren, die mehr auf die Vermittlung von verschiedensten Kompetenzen zielen.
Sie war – unvorhersehbar von zwei auf eine Woche verkürzt – Gastlehrer in unserer Schule und konnte uns viele Geschichten von anderen Regionen Indiens erzählen.

Zu dieser Zeit genoss ich auch sehr die endlich wieder 40 Minuten langen Unterrichtseinheiten, welche für die Proben des Konzertes verkürzt wurden. Die Stundenlänge war auch dringend nötig um die Kinder auf die Examen vorzubereiten, die schon anderthalb Wochen danach stattfinden sollten.
Schon vor den Feiertagen eröffnete ich auch 2 neue Orchester – das der Klassen 6 und 7. Die ersten Proben waren wirklich hart – eine Stunde im Orchester sitzen und oft ruhig zu warten, bis man spielen kann ist anfangs wirklich nicht leicht für alle Beteiligten. Mittlerweile funktioniert es aber schon erstaunlich gut.

Ein für mich merkwürdiges Ereignis war der Besuch der Trauerfeier eines kurz davor verstorbenen Vaters einer Schülerin. Wie uns Father John auch später bestätigt hat, wird hier in der Region bei einem solchen Besuch nicht über das Ereignis gesprochen sondern vorwiegend Smalltalk betrieben. Es kam uns eher vor wie ein normaler Hausbesuch – man begrüßt sich, trinkt einen Tee, isst eine Kleinigkeit, redet ein wenig über allgemeine Themen und geht dann nach einiger Zeit wieder.

Die folgenden Tage und vor allem die Morgen würden bestimmt von der Feier eines Festivals unserer Nachbarn, die vor einiger Zeit aus Bihar hier her gezogen sind. Drei Tage lang gingen schon gegen 4 Uhr morgens die Böller und laute Musik los. Die Böller, die wir auch schon aus Darjeeling kannten, sind übrigens nicht vergleichbar mit unserer Standartversion, sondern eher mit sehr, sehr lauten Kanonenschlägen.

Den Childrensday hatte ich ja schon im letzten Brief erwähnt und Mitte November war es auch für unsere Schule an der Zeit jenen zu feiern. Für alle Klassen wurden viele Gruppen- und Einzelspiele von den Lehrern vorbeireitet, wobei die Sieger jeweils Preise erhielten.

Soweit erstmal in diesem Brief. Ende Dezember werde ich dann den nächsten abliefern, kurz bevor unsere  Indienrundreise ansteht, von der ich dann auch schon mal den Reiseplan vorstellen darf. So wie es aussieht erwarten uns einige tausend Kilometer in Indiens beliebtesten Transportmittel 🙂
Liebe Grüße,
Henri