Rundbrief 6

Liebe Leute!

Da sind wir wieder, zurück von unserer eindrucksvollen Reise. Es gab so viel zu sehen und angefangen hat es mit der ersten von vielen darauf folgenden Zugfahrten.
Wir hatten, bis auf zwei Busfahrten alle Züge schon einen Monat im Voraus in der „Sleeper Class“ gebucht. Jene muss man sich so vorstellen, dass pro Wagon ungefähr 10 Abteile, die nicht richtig voneinander abgetrennt sind, mit je 8 Betten versehen sind. 2 davon befinden sich längs zur Fahrtrichtung am Rand direkt übereinander und die anderen 6 bilden das eigentliche Abteil. Am Tag werden die 2 Betten der mittleren Etage runter geklappt und bilden die Rückenlehnen für die 6 Sitzplätze und für die Nacht wird dies wieder rückgängig gemacht wodurch sich 2 mal 3-Etagen Betten ergeben.

Den ganzen Tag – und zu unserem Ärgernis auch immer mal wieder geballt früh um 5 – passierten uns Verkäufer für Tee, Wasser und Essen. Irgendwann kam es uns in den Sinn, dass vielleicht am Anfang des bestimmt ein Kilometer langen Zuges ein Regisseur steht, der aller paar Minuten jemanden anders durch den Zug jagt: „so, jetzt zwei mal Tee, einmal Wasser, dann die klatschenden Damen, der Affe, drei mal Essen, aufblasbare Kopfkissen Verkäufer, wieder Tee, dann der als Frau verkleidete Mann, Wasser, Schmuckverkäufer, Tee, Tee, Wasser, Tee…“ Tatsächlich kamen immer mal wieder Männer als Damen verkleidet, welche dann so lang die Männer in Verlegenheit brachten, bis diese ihnen etwas Geld gaben. Singende Kinder, in die Hände klatschende Frauen, ein junger Mann mit einem gezähmten Affen, versuchten alle auf ihre Weise Aufmerksamkeit zu erregen. So wird es auf den teils tagelangen Zugfahrten wenig langweilig, zumal wir uns auch sehr oft mit unseren Sitznachbarn oder durch den Zug streifenden Fremden sehr gut unterhalten konnten. Die Sleeper Class gilt im Vergleich zu den höheren klimatisierten Klassen als super Möglichkeit miteinander in Kontakt zu kommen, was wir nur bestätigen können.

 

Startbahnhof Siliguri

Startbahnhof Siliguri

Auf diesem Weg also erreichten wir viele Städte, in denen wir jeweils ein paar Tage verweilten. Die Großstädte wie Delhi und Mumbai machten auf mich nicht den besten Eindruck. Vor allem in Delhi wurden wir – vor allem aufgrund unserer blonden Mitreisenden – sofort als Tourist gebranntmarkt und von vielen, vielen Leuten ständig angesprochen etwas zu kaufen oder zu buchen. Dazu kamen immer mal wieder die Leute, die uns augenscheinlich übers Ohr hauen wollten, etwa in einem der zahlreichen illegalen Touristeninformations-Büros. Tatsächlich gibt es in Delhi wohl nur ein offizielles und hunderte Gefälschte.
In jenem offiziellen buchten wir dann auch einen Trip zum Taj Mahal in Agra, den man sich meiner Meinung nach aufgrund des Preis-Leistungsverhältnis getrost sparen kann. All diese Erlebnisse führten dazu, dass wir noch in den folgenden kleineren Städten das Vertrauen zu den (wie eigentlich auf unserer Reise überwiegend) beispiellos hilfsbereiten Einheimischen vorerst verloren hatten und erst langsam wieder aufbauen konnten.

 

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Startbahnhof Siliguri

Unheimlich viele Greifvoegel gibt es in fast allen Grossstaedten!

Unheimlich viele Greifvoegel gibt es in fast allen Grossstaedten!

Eine Ausnahme für mich bildete unter den Großstädten Kolkata. Auch hier waren die Hauptstraßen wie gewohnt übervoll, es herrschte vielleicht sogar mehr Stau als in den anderen Städten und auf den Gehwegen bekam man vor allem in Bahnhofsnähe schon mal die ein oder andere Schulter ab. Dennoch erlebten wir in den Seitenstraßen und Hintergassen eine ungewohnt entspannten Ruhe, begegneten in Universitätsnähe vielen Bücher- und Kunstgeschäften und wohnten sogar einer progressiven Kunst-Performance im Park rund um ein baufälliges und lange stillgelegtes öffentliches Freibad bei.

In Mumbai trafen wir erneut auf Anushka, die uns vor ein paar Wochen in Kalimpong besuchte. Da die Guest House Preise und generell alle Preise in Mumbai astronomisch hoch sind bat sie uns an in ihrer Wohnung zu schlafen. Am nächsten Morgen besuchten wir die Schule im zweitgrößten Slum Asiens, in der sie über die NGO „Teach for India“ ihren Freiwilligendienst leistet. In ihrer Klasse hat sie das ausgeklügelte System der Organisation zusammen mit eigenen Ideen eingeführt, welches mir teils fortschrittlicher als meine eigene Schulbildung erschien und sehr von dem von uns in Indien oft erlebten und von vielen Leuten berichteten sturen Auswendiglernen unterschied. Die Klasse ist nach dem UN-System in Gruppen geteilt, die verschiedene Aufgaben übernehmen und am Ende die Ergebnisse zusammentragen, es gibt ein komplexes Belohnungssystem und innerhalb von 5 Sekunden hat sie die Klasse ohne Anstrengung mit einem kleinen Rufspiel zur Ruhe gebracht – sehr beeindruckend.

Danach hatten wir die Möglichkeit zwei Familien zu besuchen, die im Slum wohnen. Auf den ersten Blick wirkte es wie die kleinen verwinkelten Gassen in unseren Bergstädten und bis auf den trockenen „Müllfluss“ den wir passierten war es auch ziemlich sauber. Von einer Familie erfuhren wir dann, dass all die kleinen Räume und Häuser für völlig überteuerte Preise vermietet werden und die Mieten auch ständig von den Besitzern erhöht werden, weil sie es können. Anushka berichtete uns, dass sehr viele Menschen aus den ländlichen Regionen nach Mumbai kommen um mehr Geld zu verdienen. Am Anfang würde der Traum auch war, aber schnell erwachen die Leute und merken, dass alles was sie mehr verdienen fast ausschließlich in die teureren Lebenshaltungskosten fliest und somit der Wohlstand nicht eintreten kann. Die einzigen „Wohnungen“ (oft nur ein kleiner Raum für 4 oder mehr Menschen), die sie sich leisten können befinden sich im Slum, dass von der Regierung nach außen und in der Etagenzahl begrenzt ist, daher aber ständig nach innen wächst, sodass die Gassen immer enger werden.

Auf mich wirkte es so als würden sich die Leute einrichten und den Umständen entsprechend ganz gut mit ihrer Situation zurecht kommen, ich will mir aber gar nicht vorstellen, wie sich die Lage in diesem Slum dramatisiert, sobald eine Dürre, Hitzewelle, Überflutung oder eine andere Naturkatastrophe auftritt.
Die kleineren Städte zogen mich schon mehr in den Bann, vorangestellt sei da Varanasi zu nennen.
In der für Hindus heiligen Stadt am Fluss Ganga (Die Mutter) wimmelt es von den unüblichsten Touristen. Alt- und Neuhippis, Aussteiger, Künstler aber auch die normalen Touristen ziehen viele Verkäufer, Guest Houses und Hotels, Bootsfahrer, sowie den ein oder anderen Trickbetrüger an. Dennoch fehlt es der Stadt nicht an Spiritualität, welche auch auf mich übergeschwappt ist. Die vielen Toten, die jeden Tag rund um die Uhr durch die Stadt zu den beiden öffentlich zugänglichen Verbrennungsstellen gebracht werden (eine Flamme brennt angeblich schon seit 10 000 Jahren), die abendliche Zeremonie der Hindu-Priester, der Sonnen-/Mondaufgang und ein schüchternes Fußbad im Ganges hinterließen zusammen einen starken Eindruck bei mir und manch Mitreisendem.

Im Fluß wurden übrigens einige tausend Bakterienarten gefunden, von denen manche, auch aufgrund ihrer hohen Konzentration, sehr schädlich für den Menschen sein können. Dennoch baden täglich sehr viele Leute in dem Fluß oder waschen ihre Wäsche darin, was nach hinduistischem Glauben das Karma reinigen soll. Und es wird gesagt, dass kein gläubiger Hindu davon krank werden könnte, da ja der Fluss ihre Mutter ist und die Mutter ihren Kindern nie etwas schlechtes wollen könnte.

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Morgensport am Ganga

Morgensport am Ganga

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Allabendliche Hinduistische Zeremonie

Allabendliche Hinduistische Zeremonie

 

Segnung einer Bruecke mit...

Segnung einer Bruecke mit…

Die Wüstenstadt Bikaner führte uns auch etwas mehr in die, ansonsten eher im nur Vorbeifahren bestaunte Natur des Landes. In diesem Fall war es eine Steppenlandschaft mit endlos geraden Straßen, was für uns, die in den höchsten Bergen der Welt wohnen zuerst sehr ungewohnt war. Wir bekamen sogar die Möglichkeit eine Nacht in der Wüste unter dem Sternenhimmel unter jeweils 4-5 Wolldecken zu nächtigen.

Außerdem besuchten wir den hinduistischen Rattentempel, in dem tausende von Ratten frei herumlaufen und sich die vielen Opfergaben der Gläubigen schmecken lassen. Zumindest an dem Tag unseres Besuches musste ich aber erkennen, dass die Nahrung, die geopfert wurde alles andere als Gesund für die kleinen Nager war. Gesegnet ist übrigens der Besucher, der die Weise Ratte erblickt – wir waren es nicht.
Kamelfestival in Bikaner. Hier wurden Touristen wie Koenige und Einheimische - unserem Eindruck nach - wie Dreck behandelt. Daher fluechteten wir schnellstmoeglich wieder...

Kamelfestival in Bikaner. Hier wurden Touristen wie Koenige und Einheimische – unserem Eindruck nach – wie Dreck behandelt. Daher fluechteten wir schnellstmoeglich wieder…

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Siesta

Siesta

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Im Rattentempel nahe Bikaner

Im Rattentempel nahe Bikaner

Sonnenuntergang in der Steppe

Sonnenuntergang in der Steppe

Am eindrücklichsten war für uns die Natur in Goa. Karibische Gefühle kamen auf in dem kleinen indischen Staat am Arabischen Meer. Palmen, Strand, Strandhütten, Felsen, Sonne, warmes Wasser und das erste Vollbad seit fast einem halben Jahr – bei uns wird ja immer nur Gekübelt oder in Darjeeling sogar mal geduscht. Diese Zeit genossen wir sehr und konnten auch endlich mal komplett abschalten.

Eine solche Reise ist mitunter doch auch anstrengend, dafür entlohnte uns Goa.

Goa

Goa

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Nun sind wir also wieder in Kalimpong und nutzen die Restferien dazu das neue Schuljahr mit Instrumentenpflege und Reparaturen vorzubereiten. Ein paar Schüler kommen regelmäßig zum Nachhilfeunterricht in Mathe oder Englisch bzw. um individuellen Instrumentalunterricht zu erhalten, der ja im laufenden Schuljahr nur sehr begrenzt möglich ist. In ein paar Tagen geht es dann schon in mehrtägiger Reise wieder nach Mumbai zum Zwischenseminar. Zeitlich ist das natürlich nicht ganz optimal gelaufen, da ich ja sozusagen gerade erst in Mumbai war. Aber da unsere langen Ferien und somit auch die Möglichkeit länger zu Reisen in unserer Bergeregion nunmal im Winter liegt, ließ sich das nicht vermeiden.

Ich werde berichten.
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