Rundbrief 9

Liebe Leute!

 

Es ist wieder viel passiert in der letzten Zeit, dennoch möchte ich diesmal gern mit einem generellen Thema anfangen.

In den letzten Rundbriefen habe ich ja schon immer mal kurz über die Situation der Kinder sowie ihrer Eltern und Lehrer hier geschrieben. Das möchte ich jetzt noch mal ausführlicher tun.

Also grundsätzlich sei gesagt, dass die Familiensituation vieler Kinder nicht der klassischen entspricht. Relativ verbreitet ist hier, dass die Mutter die Familie verlässt, wenn sie Probleme mit dem Mann und/oder einen neuen Mann hat. Dabei lässt sie häufig ihre Kinder zurück – auch sind uns Fälle bekannt bei denen der Vater verschwunden oder verstorben ist  – oft wissen die Kinder selbst nicht was von beiden der Fall ist – und so wachsen manche unserer Kinder ohne Eltern auf. Auch kommt es vor, dass ein oder beide Elternteile außerhalb Kalimpongs arbeiten und nur an Wochenenden oder noch seltener zurück kommen. Dort arbeiten sie oft im ständig wachsenden Hotelgewerbe als Reinigungskraft oder Koch. Die Kinder leben in diesem Fall bei den Großeltern, ferneren Verwandten oder gar Freunden der Familie. Nicht selten müssen sie dort dann relativ viel mithelfen, auf den Feldern oder im Haushalt. Manche Kinder müssen alle Mahlzeiten für den Haushalt  zubereiten.

Andere Eltern arbeiten auf eigenen oder fremden Feldern – dann nur saisonal – oder als Lastenträger. Wie wir vor kurzem erst herausgefunden haben sind auch viele Familien Teilnehmer an einem Programm der Regierung, das ihnen für einen symbolischen Betrag Grundlebensmittel einmal wöchentlich in begrenztem Umfang zur Verfügung stellt – vergleichbar vielleicht mit den Projekten der ‚Tafel‘ in Deutschland.

Die Häuser der Familien befinden sich in ganz unterschiedlichem Zustand, besitzen verschiedene Ausstattung und Größe. Da Louisa sehr viele Häuser besucht hat, kann sie nun Mutmaßen, dass ca. 80 Prozent der Häuser sich in einem guten Zustand befinden. Das entspricht dann einer kleinen Lehmhütte mit Lehm-Ofen, in der eine Familie mehr oder weniger beengt zusammenlebt. Betten werden sich geteilt und auch in vielen dieser Häuser befindet sich ein kleiner Fernseher. Im, für mitteleuropäische Verhältnisse recht milden Winter wird es dennoch vor allem in der Nacht sehr kalt, da kaum eines der Häuser (übrigens auch unseres nicht) über eine Dämmung oder einen Heizer verfügt. Viele Lehmhäuser haben sogar einen Spalt zwischen Wand und Dach, durch das es zieht. Toiletten und Waschstelle befinden sich bei allen Häusern außerhalb.

Die großzügiger ausgestatteten Haushalte sind aus Zement gebaut und verfügen über mehr Platz, ein moderneres Fernsehgerät, einer Gaskochplatte etc. Die einfacheren Häuser haben oft Löcher in den Lehmwänden, undichte Dächer und verfügen kaum über Luxusgegenstände.

Eine andere Gruppe unserer Schüler stellen die ‚BSA‘ – Kinder dar. Sie wurden meist von der Straße geholt, wo sie am Straßenbau arbeiten mussten und in einem großen Wohnheim geführt von christlichen Schwestern untergebracht.

Manche der Eltern sind alkoholkrank, dadurch und aus anderen Gründen teilweise auch nicht erwerbstätig. Zudem kommt die weitverbreitete Gewalt der Eltern an den Kindern oder gegeneinander, welche (wie leider überall auf der Welt) vereinzelt auch bis zum sexuellen Missbrauch der Kinder durch die Eltern, fernere Verwandte oder Nachbarn geht. Werden solche Fälle bekannt, kann man laut einzelner Aussagen von Gesprächspartnern nicht auf die Hilfe der Polizei hoffen, da dieses Thema ähnlich wie in Deutschland noch vor einigen Jahren wohl ein Tabuthema darstellt.

Das den Kindern eine psychologische Hilfe über Therapien ermöglicht werden kann oder wird, haben wir noch nicht gehört. Vermutlich wird es, wie in der deutschen Vergangenheit (teils ja sogar bis heute) wohl einfach totgeschwiegen. Gerade diese Gewaltübergiffe machen uns sehr wütend (wenn sie denn publik werden), vor allem, da wir nicht direkt eingreifen können und in der Schule die Auswirkungen solcher Misshandlungen auf die Kinder miterleben.

Unsere Lehrer sind meist aus der Region und haben keinen höheren Abschluss. Manche absolvierten ein Lehrertraining aber nur wenige haben studiert oder gar einen pädagogischen Abschluss. Viele der Kinder zeigen ein auffälliges Verhalten, was wohl teils auf Traumata hin weißt. Meines Erachtens sind die meisten Lehrer nicht dafür ausgebildet (ebenso wenig wie wir Volunteers oder die Fathers) um angemessen darauf zu reagieren, was auf Dauer zu einer Überbelastung führen kann.

Ich selbst bekam dieses Jahr immer wieder deutlich zu spüren, wie mich das Verhalten mancher Kinder in der Gruppe überfordert und einen „normalen“ Unterrichtsablauf behindert oder teilweise einfach unmöglich machte. Gleichzeitig kennen wir aber mittlerweile viele Schicksale der Kinder und man kann es ihnen einfach nicht verübeln, dass sie gerade mal durchdrehen müssen um etwas Dampf abzulassen. Das lies mich manchmal schon hilflos daneben stehen und mich davon nicht frustrieren zu lassen viel mir ab und zu schon schwer. Gerade besonders dramatische Fälle beschäftigten mich auch nach der Arbeit noch lange und liesen mich nur schwer abschalten. Wenn ich mir vorstelle, dass die Lehrer das seit vielen Jahren machen, kann ich mir ansatzweise vorstellen, wie sie sich fühlen.

Es wäre daher sehr wünschenswert, wenn die finanziellen Mittel aufgetrieben werden könnten, um die Lehrer weiterzubilden und ebenso ein oder zwei Psychologen dauerhaft in den Schulbetrieb einzubinden. Derzeit ist das aber anscheinend nicht möglich. Ändern könnte sich das in einigen Jahren, wenn der komplette Campus fertiggestellt sein wird und die Schule samt Internat bis zur 12 Klasse schrittweise ausgebaut werden soll. Dann bekäme die Schule nach der Anerkennung durch die Regierung auch deren Zuwendungen und studierte Lehrer stellen wohl eine Voraussetzung dieser Anerkennung dar.

Aber wie man schon in meinen vorangehenden Rundbriefen lesen kann (oder eben nicht), ist das Umfeld  und das Elternhaus nicht jeden Tag Thema bei uns. Ganz oft unterrichten wir einfach Kinder, wie überall anders auf der Welt auch, mit den Höhen und Tiefen / Spass und Frustration, die es nunmal mit sich bringt, Kinder zu „erziehen“, zu unterrichten und zu bespassen.

 

Soweit zu diesem Themenbereich, natürlich ist auch wieder so einiges aus dem Schulalltag und von unserem Leben hier zu berichten.

Nach meinem letzten Eintrag, bekam die Schule einen Tag frei in Gedenken an den verstorbenen, letztes Jahr pensionierten Kollegen. Am gleichen Tag waren die Fathers, Lehrer und wir zu einer ‚Kam‘  eingeladen. Diese findet ein Jahr nach der Beisetzung eines Verstorbenen statt.  Tragischer Weise war es die Kam einer unserer Boarders, der sich letztes Jahr das Leben genommen hat.

Nach den Trauerfeiern war es für alle zerstreuend den Buchstabierwettbewerb der Kinder zu verfolgen. In vielen Nachmittagsproben haben wir dann auch den Singwettbewerb vorbereitet und unser Haus hat auch ganz gut abgeschlossen. Mit meiner älteren Gruppe hatte ich so manche Probleme, da sich nicht richtig im Zaum halten konnten haben wir viel Zeit der Proben darauf verwendet zu warten, bis alle an Board und bereit zum Singen waren.

Ein Mal im Monat schaut die ganze Schule jetzt immer zusammen einen Film. Einer war zum Beispiel von Charlie Chaplin – ein tolles Erlebnis für viele Kinder mit all ihren Freunden einen Film zu sehen. Auch erlebnisreich sind die Instrumentenvorstellungen, die wir die letzten Wochen in den singing classes gemacht haben. Aus den Kindertagen der Schule, als neben Streich- auch Blasinstrumente unterrichtet wurden, sind noch einige Exemplare übrig geblieben, sodass wir die meisten Orchesterinstrumente nach und nach vorstellen konnten. Highlight waren natürlich die Riesen des Orchesters – Tuba, Cello sowie der Kontrabass. Die Augen der Erstklässler waren mindestens genauso groß. J Dazu wird dann jeweils ein Lied gesungen, in dem alle bisher eingeführten Instrumentengeräusche eingebaut werden, was dadurch jedes Mal länger wird.

Ein Wochenende konnten wir dann Pia (die Freiwillige, die in Darjeeling im Hayden Hall arbeitet) in Gitkolbong besuchen. Dort arbeite sie für einen Monat in einer neuen Schule, die vom Hayden Hall unterstützt wird. Das Leben dort ist noch etwas einfacher als in unserer Unterkunft hier. Fließend Wasser, Waschraum und Toilette befinden sich außerhalb. Es liegt sehr abgelegen und ist nur schwer mit öffentlichen Sammeltaxen erreichbar. Die Schule läuft aber wirklich gut und die Eltern bringen sich stark mit ein. Der Unterricht ist sehr anschaulich und die Lehrer sind sehr experimentierfreudig, was aber auch daran liegt, dass die Schule derzeit nur 24 Schüler fast,  aufgeteilt in 3 Klassen und 2 Kindergartengruppen. Die 1. Und 2.  Klassen zum Beispiel haben daher jeweils auch nur 2 Schüler. Die Gegend ist durch den weit verbreiteten und berühmten Kardamonanbau relativ wohlhabend, wodurch sich wohl auch erklären lässt, warum die Schule nur mit so wenigen Schülern betrieben werden kann. Angestrebt werden am Ende wohl rund 50 Schüler. Für mehr Schüler müsste wohl ausgebaut werden.

Wir wurden gebeten noch einen Tag länger zu bleiben um die Schule auch im Betrieb zu erleben. So durften wir eine lange singing class mit der gesamten Schule (inklusive der 6 Lehrern) anleiten und alle hatten großen Spaß. Die Lage der Schule ist durch die Abgeschiedenheit aber auch geradezu idyllisch. Wir genossen die Ruhe dort sehr, wo wir doch hier in unserer Unterkunft an der Straße leben.

Nach unserer Rückkehr stand auch schon bald die Verabschiedung von Brother Rajib an.  Unser neuer Brother Soni (mit dem Sony-Handy J) stieß ja schon zwei Wochen zuvor zu uns. Die Jesuitenbrüder bleiben meist nur ein halbes oder ganzes Jahr an einer Stelle und in Brother Rajibs Fall steht als nächstes ein Studium im benachbarten Bundesstaat Sikkim an.

Während all der Wochen liefen parallel schon unsere Vorbereitungen für das große Orchesterkonzert unserer Boarders für ein Jubiläum einer von Jesuiten geführten Schule in Korseon, zwischen Siliguri und Darjeeling. Gerade die letzte Woche war sehr anstrengend für alle Beteiligten, da wir oft bis in die Dämmerung hinein proben mussten, und das nach einem langen Schultag für die Jugendlichen aber auch für uns. Am Ende hat es sich aber auf jeden Fall gelohnt. Die Besucher und Gastgeber waren von unserem anderthalbstündigen Orchesterprogramm sehr begeistert und unsere Schüler konnten zu Recht stolz auf sich sein. Für mich war es auch ein tolles Erlebnis zum ersten Mal in einem Konzert vor einem Orchester zu stehen und es zu dirigieren. Die Jugendlichen genossen natürlich auch lebhaft die Busfahrten und die gemeinsame Übernachtung in der Gastgeberschule zusammen mit ihren Freunden in den Gemeinschaftsschlafräumen.

Schön war auch, dass Fabian und Antonia (zwei Jesuit Volunteers, die in Bihar arbeiten) uns besuchten und dann sogar das Konzert miterleben konnten. Auf unserem Dach tauschten wir uns ein paar Abende über unsere Einsatzstellen und die Erlebnisse des Jahres aus.

Am Freitag feierten wir dann den Weltumwelttag. Alle Kinder brachten Pflanzen, Blumen oder Werkzeuge mit um beide Schulgelände zu bepflanzen. Davor gab es von den Klassenlehrern jeweils eine Einführung in die Pflanzenkunde.

Jetzt stehen als nächstes erst einmal die Musikprüfungen an und dann wohl auch viele Abschiede… in 5 Wochen sind wir schon wieder in Deutschland… (sicherlich mit einer Träne im Knopfloch).

 

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Kurseon

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Gitkolbong

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Kalimpong

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