Rundbrief 5

Liebe Leute!

 

Hier also mein letzter Rundbrief vor unserer Rundreise.

Ende November fingen bei uns die Jahresexamen an. Los ging es mit den Musikprüfungen und innerhalb von 3 Tagen hat jeder der Musiklehrer die Schüler seiner Gruppen der Klassen 4-8 geprüft. Die Kinder zeigten uns je nach Unterrichtsstand Tonleitern, Dreiklänge und ein oder zwei kleine Stücke. Danach musste jeder noch ein Stück aus dem Stegreif von der Tafel abspielen und ein paar Theoriefragen beantworten.

Die Wohe darauf wurde es noch lustiger, als wir Volunteers eingesetzt wurden um die Examen in den anderen Fächern zu beaufsichtigen. Ein bis zwei mal am Tag mussten wir also unterschriebene leere Blätter ausgeben, aufpassen, dass niemand schummelt und den einen oder anderen Tipp geben, falls die Fragen aus den Lehrbüchern nicht ganz so eindeutig gestellt wurden.

In der selben Woche wurden wir auch von der Italienerin Fiorenza in das Croockety House eingeladen, wo wir den Freitag darauf die 10 Jahresfeier des Hauses musikalisch umrahmen durften. Das Croockety House wurde von einer esotherisch angehauchten italienischen Bewegung und mit Hilfe des Vereins der Pflege für Straßenhunde erworben (da man als ausländische Organisation in Indien keine Grundstücke kaufen darf), um das schöne Haus und das Andenken an die früheren Bewohner zu erhalten – den britischen Architekten Dr. Graham, der viele repräsentative Gebäude in Kalimpong gebaut hat und Helena Roerich, der Frau des berühmten rusischen Malers Nicholas Roerich. Das Haus ist teils ein Museum, teils eine soziale Einrichtung für die Kinder der Umgebung sowie inspiriert von Helena Roerichs Arbeit als spiritueller Philosphin auch ein Ort der Meditaion und Veranstaltungen in dieser Richtung.

Das Konzert war sehr schön, zuerst spielte ich das Prelude aus der Cellosuite auf dem Berg vor dem Grab der beiden ehemaligen Bewohnern zu Fuße eines tibetanischen Klosters eingelassen in eine Pagode. Danach fuhren wir zurück ins Haus und neben Lesungen gab es noch mehr Bach von mir und Louisa spielte das bekannte Rachmaninov Prelude cis-moll. Das tollste für uns war natürlich Fiorenzas italienisches Buffet nach der Feier, mit all den leckeren Sachen, die man in unserer Gegend hier nicht so oft finden kann.

 

Bald darauf kam dann sogar der Nikolaus all den weiten Weg bis in unser Himalaya Gebirge, allerdings hat der Zoll wohl aber seine Süßigkeiten weggenascht (wie es hier bei Paketen ab und zu mal passiert) und so hatten wir am morgen des 6.12. viele indische Leckereien in unseren teils geputzten Stiefeln.

 

Zu unseren Beschäftigungen hier gehören ja auch immer wieder Schülerbesuche. Oft gibt es ein kurzes Gespräch mit den Eltern, Geschwistern, Großeltern oder Freunden der Kinder und die obligatorische Tasse Tee. Obwohl bei diesen Besuchen jede Partei versucht sich von der besten Seite zu zeigen, bekommt man doch das eine oder andere Mal mit, wie schwer manche Lebensverhältnisse der Familien sind. Es kann vorkommen, dass das Haus oder oft die Lehmhütte in keinem guten Zustand ist, der Vater betrunken nach Hause kommt oder die Kinder vor uns angeschrien werden. Auch hab ich schon von 2 Kindern erfahren, dass sie sich – wie das viele Jugendliche in Deutschland auch tun – Ritzen um ihre Probleme mit den Verwandten (eine von beiden wurde von ihren Eltern weggegeben) zu kompensieren.

Ein besonderer Schülerbesuch war der des “BSA“. Das ist eine Institution, die Waisen, mishandelte oder wegegebenen Kinder sowie Kinder aus der Straßenarbeit rettet und im von den Schwestern betriebenen Heim aufnimmt. 7 oder 8 Schüler von Gandhi Ashram wohnen auch im BSA und freuten sich sehr uns zu sehen, für Jakob gibt’s dort auch wieder gut Arbeit, da im Haus viele alte und reperaturbedürftige Geigen im feuchten Schrank liegen.

 

Und dann gab es auch schon die Zeugnisse. Nicht wenig Kinder sind durchgefallen, da sie mehr als 3 Fächer nicht bestanden haben. Sie bekommen in manchen Fächern die Chance die letzte Prüfung zu wiederholen. Wenn es dann immer noch nicht klappt werden sie vorläufig in die nächste Klasse versetzt, dürfen aber im nächsten Halbjahr in keinem Fach durchfallen, sonst kommen sie für das zweite Halbjahr zurück in die vorherige Klassenstufe.

Die Schüler der achten Klasse erfuhren zu dieser Zeit auch welche Schule sie im nächsten Jahr als “Boarder“ besuchen werden. Unsere Schule kann ja derzeit nur bis zur achten Klasse unterrichten, da man für weitere Klassenstufen eine staatliche Anerkennung benötigt. Langfristig wird das auch angestrebt werden, aber dafür muss erst einmal der Neubau beendet werden. Manche Schüler waren glücklich mit der Wahl, aber leider haben die besseren Schulen nur wenige Plätze frei und sind auch für die Geldmittel unserer Schule sehr teuer, die ja die Finanzierung dieser Schulbesuche garantieren muss. So gab es dann doch das ein oder andere enttäuschte Gesicht, natürlich auch, da es passieren konnte, dass ein Schüler auf einer anderen Schule als z.Bsp. der beste Freund.

 

Die Wochen darauf standen ganz im Zeichen der Proben für unsere Weihnachtskonzerte, die wir im Hayden Hall in Darjeeling und in kleinerer Besetzung in zwei Sikkimer Hotels spielen sollten.

Wir haben dafür viele englische, zwei nepali und sogar zwei deutsche Lieder für einstimmigen Chor und Streichensemble arrangiert. Da wir diesmal so viel Zeit hatten sind die auch echt gut geworden und vor allem die deutschen Lieder klingen von den Kindern gesungen natürlich sehr süß 🙂

Am 19.12. war es dann so weit und wir drei Volunteers sind mit 17 Kinder im Schulbus nach Darjeeling getuckert. Auf der Hinfahrt haben wir schon feststellen müssen, dass Süßigkeiten und fahrtunerprobte Mägen keine gute Mischung sind. Als jene aber auf der Rückfahrt auch noch voll waren, erwießen sich die großen Schiebfenster des Busses als sehr praktisch. Einige unserer Boarders sind Busfahren schon gewohnt, aber wir hatten nur Schüler der 7./8. bei uns und die sind allein aus finanziellen Gründen noch kaum im Auto gescheige dem im Bus mitgefahren.

Das Konzert hat sehr gut geklappt, auch wenn die Kinder vielleicht etwas eingeschüchtert von der großen Halle und den vielen Gästen waren und daher leiser als gewohnt gespielt oder gesungen haben. Ein riesen Abenteuer war es auf jeden Fall für alle, auch da wir nach dem Konzert noch die Möglichkeit hatten etwas auf dem Markt rum zu tingeln und jeder noch ein Eis bekommen hat in dem frostigen Darjeeling auf über 2000 Meter Höhe 🙂

 

Die kommenden Tage haben wir dann mit einer kleineren Auswahl noch ein Lied dazu geprobt und die alten aufpoliert. In dieser Zeit kam auch endlich Weihnachtsstimmung auf, da der begeisterte Father John eine Krippe gezimmert hat, umrahmt von vielen blinkenden Lichterketten und daneben stand sogar ein geschmückter Weihnachtsbaum! Viele, viele Kuchen wurden an befreundete Schulen, Institutionen sowie Sponsoren verschickt und ebenso viele haben wir auch geschenkt bekommen.

Wir Volunteers haben auch versucht mit den leicht unterschiedlichen Zutaten der Region und in der Mikrowelle (einen Ofen hab ich hier noch nirgends zu Gesicht bekommen) Weihnachtplätzchen herzustellen. Einige waren echt lecker. Dazu kam natürlich auch der altbekannte Weihnachtsstress – Geschenke für jederman besorgen. Unter uns Volunteers haben wir uns für Schrottwichteln entschieden…

 

Am 24.12. sind dann Jakob und ich mit nur 6 Schülern im taxi nach Gangtok gefahren. Für Sikkim hatten wir ja vom Lehrerpicknick noch die gültige Genehmigung zur Einreise. Sikkim hat aufgrund seiner Stellung als ehemaliges Königreich, welches unter vielen für Sikkim günstigen Bedingungen Indien beigetreten ist einige Sondergesetze im Vergleich zum Rest Indiens. Die Einreisebedingungen für Touristen haben sich in letzter Zeit zum Glück aber gelockert, sodass wir auch im nächsten Jahr nochmal die Möglichkeit hätten z.Bsp. ein anderes Konzert zu Begleiten.

Im Hotel hab ich dann erst einmal erfahern, dass das Management dieser Hotelkette uns engagiert hat und auch unser Konzert am folgenden Tag in Pelling in einem dieser Häuser stattfinden wird. Wir haben erst einmal abgeladen und sind in die Stadt zum “window-shopping“ – viel können sich unsere Kinder natürlich nicht leisten.

 

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Untergebracht wurden wir, wie schon erwartet nicht im Luxushotel somdern im Hostel um die Ecke. Die Mädels haben zu 3 im Doppelbett geschlafen und wir teilten uns ein Zimmer mit dem einzigen Jungen der Truppe. Da ich den guten Schlafsack dabei hatte hab ich mir die Matraze auf dem Boden gegönnt.

Dass Konzert war sehr schön, das Publikum hat sehr gut auf uns reagiert und war aufmerksam, was ich in einem solchen Umfeld nicht unbedingt erwartet habe. Das Dinner danach war natürlich der Hammer und für unsere Kinder teilweise überfordernd. Manch einer hat dann doch nur das genommen, was sie kennen, manche haben sich auch an die europäischen Speißen getraut.

Für uns und für die Kinder war es wirklich ein besonderes Weihnachten, das erste Mal nicht zuhause mit der Familie feiern (ausser vielleicht der ein oder andere Hindu, der noch nie gefeiert hat waren die meisten tatsächlich christlich) und so haben viele der Kinder meine Flat genutzt um oft nach Hause zu telefonieren. Ich war auch sehr froh am Abend des 24. nach Hause zur versammlten Familie telefonieren zu können.

 

Am nächsten Morgen ging es dann nach Pelling zum nächsten Hotel auf einer Bergspitze mit Himalayapanorama im Garten. Einfach unbeschrieblich schön… Wir konnten den Kanchenjunga im Sonnenuntergang, Sonnenaufgang und sogar im Vollmond bestaunen!!! und das so nah wie noch nie.

Diesmal haben wir sogar 3 Zimmer im Luxushotel bekommen,, für die Kinder natürlich sehr eindrucksvoll, wenn man bedenkt, dass sich die meisten ein7zwei Zimmer in einer Lehmhütte mit ihrer mehrköpfigen Familie teilen. Obwohl ich auch den Eindruck hatte, dass einige oder vielleicht sogar alle, sich zu Hause wohler fühlen.

Das Konzert war wieder sehr schön und ein guter Abschluss für unsere kleine Weihnachtstour mit diesem Programm.

 

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Am nächsten Morgen sind wir dann stundenlang auf sehr schlechten Straßen die paar Kilometer zurück nach Kalimpong gefahren um dort sofort ein Taxi nach Darjeeling zu bekommen, wo Louisa und Pia im Hayden Hall mit Father Paul und Father Stanley schon mit dem Weihnachtsdinner auf uns warteten. Sehr lecker und nach ein paar selbstgesungenen Weihnachtsliedern hatte auch wir endlich etwas entspannte Weihnachtsstimmung.

 

Jetzt sitzen wir hier und fiebern schon sehr aufgeregt in der Kälte des Hayden Halls unserer Reise entgegen, die morgen startet. Fast vier Wochen über 7000 Kilometer im Zug und im Bus durch Indien. Wer mal googlen möchte: Varanasi, Dehli/Agra, Bikaner, Udaipur, Mumbai, Goa, Chennai und zurück über Kolkata. Der nächste Rundbrief wird dann wohl wieder etwas länger…

 

Allen Lesern und Freunden wünsche ich ein tolles neues Jahr 2016!

Liebe Grüße,

Henri

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